MALEREI

Laura Lechner

Während in unserer Gesellschaft das Augenmerk vorrangig auf das Besondere, das Unterscheidende gelegt wird, schärft Laura Lechner ihre Sinne für das Verbindende. In ihren Malereien steht der Mensch in seiner Natur als soziales, gruppenbildendes Wesen im Mittelpunkt, das seine Individualität in der Gemeinschaft aufgehen lässt. Das Bedürfnis, sich abzugrenzen mündet in der Erkenntnis, dass dies nicht möglich ist. Mit einem feinen Gespür für Spiritualität verdichtet sie hierbei menschliches Beisammensein zu poetischen Bildern jenseits aller Funktionalität.

Laura Lechners Malereien zeigen stille Töne. Es ist ihnen nichts Aufdringliches, Lautes zu Eigen. In den harmonischen, meist lasierend aufgetragenen Farbschichten schwingen vielmehr energetisch-transitorische Zustände mit, die von den Bildmotiven wesentlich mitgetragen werden. So etwa in einer Prozession buddhistischer Mönche, die als Rückenfiguren den Betrachter unmittelbar in das Bildgefüge mit einbeziehen. Das Motiv der Prozession findet seine Ausprägung ebenfalls bei Heranwachsenden, die sie meist in weißen Schulkleidern malt. Laura Lechner verwandelt dabei die materielle Umgebung in weit angelegte Farbräume, die in ihrer Offenheit eher geistige Räume beschreiben.

Bezeichnend für Laura Lechners gesamte Figurenfindungen ist das Diaphane, fast Immaterielle, das ihre Gestalten mitunter wie Geistwesen erscheinen lässt. Auch in pastos aufgetragenen Farbschichten lässt sich diese Immaterialität beobachten. In der Erschaffung der Figuren scheint zugleich auch ihr Vergehen, ihre Endlichkeit mitgedacht zu sein. Der philosophische Aspekt, dass in jedem Zustand auch sein Gegenteil enthalten ist, findet bei Laura Lechner malerischen Ausdruck.

In anderen Bildfindungen verwebt Laura Lechner Natur und Mensch derart, dass kaum noch Unterscheidung möglich ist. Es sind Menschen, die sich unbeschwert von Logik und rationalen Zwängen eine Verbundenheit zur Natur und zu sich selbst bewahrt haben und so eine Nähe zum Ursprung aufrechterhalten. Sie scheinen gleichsam in Zwischenwelten zu leben, die von Emotionalität geformt sind. Mitunter entstehen dabei eigentümlich geheimnisvolle Szenerien.

In einem Bild etwa steigen aus einem Kreis von Frauen, die fast unsichtbar aus hohem Gras erwachsen, seltsame kugelartige Gebilde in die Luft, die, je höher sie steigen mehr und mehr wie Baumkronen aussehen. Dergestalt scheint der Frauenkreis eher einer rituellen Beschwörung zu gleichen, die diese energetischen Gebilde entstehen lässt. Das Ganze erscheint surreal, wobei der lachsfarbene Hintergrund die Szene atmosphärisch auflädt und verdichtet.

Eine dezidierte Verdichtung findet sich vor allem in den Menschengruppen, die Laura Lechner meist in gemeinschaftlichen Ritualen malt, wobei sie den Einzelnen zu einer durchlässigen Menge zusammenfügt, die von atmosphärischer Weite umgeben wird. So erinnert eine kleinere weiße dichte Gruppe in einem dunklen großgestaltigen Farbraum mit hellerem Hintergrund an die Stimmung, die Böcklins Toteninsel umgibt.

In einer Nachtszene begegnen uns Menschen, die wie zu einem magischen Kreis zusammengeschlossen sind. In einer weiteren scheint sich eine Trauergemeinde im Dunkel der Nacht zusammengefunden zu haben. Eine Gemeinschaft von verhüllten Frauen findet sich beim Gebet zusammen, Mönche speisen gemeinsam an einer langen Tafel. Kinder halten sich freundschaftlich an den Händen. Oftmals erinnern die Gruppen auch an Chöre, die im gemeinsamen Ritual des Singens glückliche selbstlose Momente erfahren. Versatzstücke wie Brücken unterstreichen das verbindende Element der Gruppen, wie sie diese auch formal spiegeln.

Laura Lechners Rückgriff auf verbindende Rituale wie Singen, Spielen, das gemeinschaftliche Mahl, Beten oder Trauern lassen ihre Malereien kulturübergreifend verständlich werden. In ihren Bildern zeigt sich ihr empathisches Interesse an den Menschen und ihren Bedürfnissen, vor allem dem Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und Identifikation als Teil eines Ganzen, eines Größeren, das als spirituelle Sehnsicht bezeichnet werden kann. Derart bergen die Bilder von Laura Lechner etwas Bleibendes, Zeitloses.

Stefanie Lucci, 2009

 


LAURA LECHNER
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